{"id":36,"date":"2018-05-25T07:15:54","date_gmt":"2018-05-25T07:15:54","guid":{"rendered":"http:\/\/dvgtest.das-verordnete-geschlecht.de\/?page_id=36"},"modified":"2018-05-30T12:37:27","modified_gmt":"2018-05-30T12:37:27","slug":"portrait","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.das-verordnete-geschlecht.de\/?page_id=36","title":{"rendered":"Portrait"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">Michel Reiter, Intersexuell<br \/>\n<\/span>&#8211; Ein Leben jenseits der Geschlechter &#8211;<\/h3>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">ver\u00f6ffentlicht im <i>ZEIT-Magazin<\/i> v. 28.01.1999, Hamburg, S.12-15<br \/>\n<\/span><span class=\"s1\">Von Oliver Tolmein<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">\u00a0Ein Kind, nackt, vor eine Wand gestellt, im Hintergrund ein grobes Raster aus Quadraten. Von der Seite aufgenommen. Von vorne. Das Kind liegt, die Beine gespreizt. Die Vagina wird ins Bild ger\u00fcckt. Nahaufnahme. Der Arzt, der das Blatt mit den Bildern in die Krankenakte packt, ist zufrieden. Die K\u00f6rper-Proportionen stimmen. Der zehnj\u00e4hrige Patient pa\u00dft ins Raster. \u201eBetrifft: Kind Birgit Reiter\u201d schreibt er im Arztbrief an seinen \u201esehr geehrten\u201d Herrn Kollegen: \u201eSehr vitales, pr\u00e4chtig gediehenes M\u00e4del, welches au\u00dfer der Blutentnahme nichts f\u00fcrchtet.\u201d Der Chirurg kann stolz sein: Da\u00df er das Kind als \u201epr\u00e4chtig gediehenes M\u00e4del\u201d weiterreichen kann ist das Ergebnis seiner jahrelangen Behandlung. In der Geburtsurkunde bescheinigt das Standesamt den Eltern Reiter noch, einen Sohn geboren haben. Mit Namen \u201eMichel\u201d. Aber ein richtiger Junge wird \u201eMichel\u201d eben nicht. Der falsche Chromosomensatz, keine Hoden, zu kleiner Penis. Der Eintrag in der Geburtsurkunde wird nach \u00e4rztlicher Beratung korrigiert, mit Stempel und Unterschrift des zust\u00e4ndigen Sachbearbeiters. Aus \u201eMichel\u201d wird so von Amts wegen und mit Hilfe der modernen Medizin \u201eBirgit\u201d. Und damit das Kind, dessen Geschlecht nach der Geburt nicht eindeutig zuzuordnen ist, wenigstens f\u00fcr den Rest seines Lebens unzweifelhaft als M\u00e4dchen und Frau durchgeht, legen die \u00c4rzte im \u201eDr. von Haunerschen Kinderspital\u201d schlie\u00dflich bei dem vierj\u00e4hrigen Kind Hand und Skalpell an: \u201eNeueinpflanzung der Vagina. und Klitoridektomie.\u201d steht im Krankenblatt. Der zu kleine Penis wird als zu gro\u00dfe Klitoris entfernt, eine Vagina wird chirurgisch geschaffen. Als Frau ist Birgit Reiter nicht geboren worden, aber zur Frau wird sie gemacht. So einfach ist das. Und so m\u00fchselig. \u00dcber Jahre hinweg muss nachgebessert und kontrolliert werden. Immer und immer wieder wird die Vagina mit Metallst\u00e4ben gedehnt und erweitert, Bougierung hei\u00dft diese schmerzhafte Behandlungsmethode. Birgit muss hochdosierte Hormone schlucken, damit sie nicht \u201everm\u00e4nnlicht\u201d. Nach zw\u00f6lf Jahren intensiver Behandlung bilanzieren die Medizin-M\u00e4nner: \u201eDie Scheide ist mit zwei Fingern passierbar. Das anatomische Ergebnis d\u00fcrfte nicht bei der Kohabitation hinderlich sein, eher eine fehlerhafte psychosexuelle Einstellung.\u201d Dagegen sind die \u00c4rzte machtlos: Die Patientin, der sie die Attribute einer Frau verliehen haben, die sie f\u00fcr den Vollzug des Beischlaf zurechtoperiert haben, f\u00fcgt sich nicht in ihre Rolle. In den Krankenbl\u00e4tter h\u00e4uft sich die Kritik: \u201eDie Kooperationsbereitschaft von Birgit ist im Augenblick mangelhaft\u201d; \u201eDie Therapie wurde von der etwas aggressiven und nicht leicht zu f\u00fchrenden Patientin nicht regelm\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrt\u201d; \u201ewie erwartet ist die Patientin zur vereinbarten Kontrolluntersuchung nicht erschienen\u201d.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">\u00a0Die Patientin ist l\u00e4ngst keine Patientin mehr. Sie steht an einer Stra\u00dfenkreuzung und wartet auf die \u201eTolleranzen\u201d, eine Theatergruppe von Schwulen und Transsexuellen. Birgit Reiter nennt sich auch wieder Michel: \u201eMichel, das ist f\u00fcr mich die Erinnerung an die Zeit, als ich noch nicht sexuell verst\u00fcmmelt war. Michel steht f\u00fcr mich und meine k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t.\u201d Lange Haare, weite Hosen, kantiges Gesicht &#8211; der dort steht und mit mir spricht ist heute \u00e4u\u00dferlich schwer einem Geschlecht zuzuordnen. \u201eDas ich jetzt wieder Michel hei\u00dfe hat nichts damit zu tun, dass ich ein Mann sein will. Aber zu meinem Namen Michel habe ich ein gutes Gef\u00fchl. Ich denke, das Kind mit Namen Michel ist bestimmt gern auf die Welt gekommen. Birgit ist dagegen nur konstruiert worden. Aber vielleicht \u00e4ndere ich meinen Namen k\u00fcnftig noch h\u00e4ufiger.\u201d Neben Michel packt ein Einsneunzig H\u00fcne in Frauenkleidern das Megaphon aus, ein stark geschminkter Mann in St\u00f6ckelschuhen und eine durchtrainierte, kr\u00e4ftige Frau im dunklen Anzug verteilen Flugbl\u00e4tter an die Passanten vor der Charit\u00e8. Entrollt eine Crew Schwuler und Lesben ein buntes Transparent, Transsexuelle und Transvestiten schlie\u00dfen eine Lautsprecheranlage an. Michel Reiter geht nerv\u00f6s zwischen den Gruppen hin und her: Es ist die erste \u00f6ffentliche Aktion, mit der Intersexuelle gegen die operativen Geschlechtszuweisungen protestieren. Anlass ist das \u201e3. Berliner Symposion f\u00fcr Kinder- und Jugendgyn\u00e4kolgie\u201d, zu dem Endokrinologen, Chirurgen und Gyn\u00e4kologen aus ganz Europa angereist sind. \u201eWas soll ich blo\u00df machen, wenn mir die \u00c4rzte hier begegnen, die mich in M\u00fcnchen behandelt haben?\u201d hat sich Michel Reiter schon Tage vorher gefragt. Denn f\u00fcr ihn war die jahrelange Behandlung Gewalt, sexuelle Verst\u00fcmmelung. W\u00e4hrend seine Eltern Dankesbriefe an die \u00c4rzte verfassten und gl\u00fccklich waren, dass die Medizin ihnen erm\u00f6glichte, ihr Kind als \u201enormales\u201d M\u00e4dchen gro\u00dfzuziehen, ist Michel Reiter fast verzweifelt. Er hat sich zur\u00fcckgezogen, ist ohne Freunde aufgewachsen, hat sich stattdessen Cliquen gesucht, wild, riskant und mit viel Alkohol gelebt, ist schlie\u00dflich zusammengeklappt, hat Therapien begonnen und abgebrochen, hat jahrelang an Selbstmord gedacht.\u201e1995 ging es nicht mehr weiter. Da stand ich vor dem absoluten Nichts.\u201d Damals hat er durch Zufall Heike kennengelernt. Eine bekennende Intersexuelle in K\u00f6ln, \u201edie erste Intersexuelle, die ich je getroffen habe\u201d. F\u00fcr Michel Reiter war das eine Sensation, etwas v\u00f6llig \u00dcberraschendes: Er war nicht allein. Und es gab jemanden, mit der er \u00fcber sein ganzes Leben reden und sich auseinandersetzen konnte, nicht nur \u00fcber den Ausschnitt \u201esexualisierte Gewalt in der Gyn\u00e4kologie\u201d, wie mit Feministinnen, in deren Szene er, damals noch Birgit, lebte.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">\u00a0Dass Michel so sp\u00e4t und erst durch Zufall eine andere Intersexuelle kennenlernt ist erstaunlich &#8211; und auch wieder nicht. Bei einem von ungef\u00e4hr 500 Kindern in der Bundesrepublik diagnostizieren die \u00c4rzte eines der Syndrome, die in klinischen Lehrb\u00fcchern in die Kategorien Hermaphroditismus oder Pseudohermaphroditismus unterteilt werden. Auf die Diagnose der \u201eKrankheit\u201d folgt\u00a0 die Therapie: die Zuweisung eines eindeutigen Geschlecht soll die Heilung sein. Die Suche nach biologischen Indikatoren, die die Entscheidung erm\u00f6glichen sollen, ob das Kind als Mann oder Frau leben soll beginnt: Untersuchungen des Zellkerns und der Chromosomen, die Beurteilung der \u00e4u\u00dferen Genitalien, die Feststellung ob Eierst\u00f6cke oder Hoden vorhanden sind, liefern den Medizinern die entscheidenden Anhaltspunkte f\u00fcr ihr weiteres Vorgehen. Die Operationen und Behandlungen folgen heutzutage in den ersten Lebenswochen. Die kleinen Patienten sollen m\u00f6glichst fr\u00fch, \u00c4rzte und Eltern hoffen dadurch auch m\u00f6glichst ohne Probleme, in das zugewiesene Geschlecht hineinwachsen. Michel Reiters Perspektive ist eine andere: \u201eIch hatte nie eine Chance mich zu entscheiden. Ich musste immer funktionieren, wie die \u00c4rzte und meine Eltern es f\u00fcr mich vorgesehen hatten.\u201d\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">Obwohl Intersexualit\u00e4t kein seltenes Ph\u00e4nomen ist, ist sie f\u00fcr die Betroffenen und ihre Familien ein Tabu. Dar\u00fcber spricht man nicht, wird ihnen eingesch\u00e4rft. Nur wer sich an die Regeln h\u00e4lt und sich anpasst, wer lernt, statt eine eigene Identit\u00e4t zu entwickeln, die Geschlechter-Rolle zu spielen, die ihm oder ihr zugewiesen ist, kann auf Anerkennung hoffen, auf Freundinnen und Freunde. \u201eDer Witz dabei ist, dass dieses Eindeutigsein eine Fiktion ist\u201d, ist sich Michel Reiter sicher, \u201ewenn man alle Menschen nackt nebeneinander aufstellt, sieht man mehr Variationen von Br\u00fcsten und Genitalien, als Gemeinsamkeiten. Jedenfalls kann niemand zwei ganz klar voneinander verschiedene Gruppen zusammenstellen.\u201d Aber die Fiktion funktioniert. Und Intersexuelle werden weiter behandelt. Sie haben es damit schwerer als Schwule und Lesben, die heute niemand ernstlich mehr \u201eheilen\u201d will. Und sie k\u00f6nnen sich auch, anders als Transsexuelle und Transvestiten nicht selber f\u00fcr ein Geschlecht entscheiden, sondern leben mit einer Zuweisung durch andere. Der Gedanke keines der beiden angebotenen Geschlechter haben zu wollen, sondern einem ganz anderen Entwurf zu folgen, gilt als unerh\u00f6rt: So interessant n\u00e4mlich das Changieren zwischen den Geschlechtern in der Welt der Werbung und der Mode ist &#8211; dort wo es nicht um den sch\u00f6nen Schein geht, sondern wo Menschen das Recht auf eine ganz andere Wirklichkeit einfordern, ist die Toleranz nach Michel Reiters Erfahrungen schnell am Ende. \u201eDie Welt ist so strikt heterosexuell organisiert, dass man sich immer entscheiden muss: ob man aufs Klo will, in den Frauenbuchladen, ein Bankkonto er\u00f6ffnen oder ein Beh\u00f6rdenformular ausf\u00fcllen. Entweder ist man Mann oder Frau. Und wenn man sich nicht entscheidet entscheiden andere f\u00fcr einen.\u201d\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">Es gibt in Deutschland keine intersexuelle Subkultur. Voraussetzung f\u00fcr das Entstehen einer Subkultur ist Selbstbewusstsein &#8211; und gerade das k\u00f6nnen intersexuelle Menschen kaum entwickeln. \u201eDie Operationen und die Jahre der Behandlung bewirken ein Trauma. Ich habe in 14 Jahren 200 gyn\u00e4kologische Untersuchungen \u00fcber mich ergehen lassen m\u00fcssen.\u201d res\u00fcmiert Michel Reiter, \u201eund ein operativer Eingriff, der so fr\u00fch erfolgt wie bei vielen von uns Hermaphroditen zerst\u00f6rt jedes Gef\u00fchl von Intaktheit und l\u00e4sst einen in ein tiefes Loch fallen.\u201d Auf den freien Fall, den harten Aufschlag folgen jetzt die Versuche, wieder hochzukommen, ein eigenes Leben zu f\u00fchren. Nur dass ein eigenes Leben zu f\u00fchren voraussetzt, etwas eigenes zu rekonstruieren. \u201eIch f\u00fchle mich wie ein Cham\u00e4leon, nur ganz selten habe ich das Gef\u00fchl Ich zu sein, weil dieses Ich sich nicht entwickeln konnte. Mein Ich ist vier Jahre alt, es stammt aus der Zeit, bevor die Bougierungen vorgenommen wurden.\u201d<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">\u00a0Michel Reiter redet schnell und viel \u00fcber sein Leben jenseits der Geschlechter. \u00dcber die Verletzungen, die ihm zugef\u00fcgt wurden. \u00dcber die Ratlosigkeit und Aggressivit\u00e4t, mit der ihm andere, auch Menschen, die zu anderen Minderheit geh\u00f6ren, begegnen. \u00dcber den Bruch mit seinem fr\u00fcheren Leben als Birgit Reiter. Ob wir in seiner kleinen Wohnung unterm Dach, zwischen vollgestellten Regalen, dem \u00fcberladenen Schreibtischen und der viel zu engen K\u00fcche sind, auf der Strasse nach einem Kaffee suchen, mit der Bahn nach K\u00f6ln zu Heike fahren, in Berlin die Kundgebung stattfindet &#8211; er erz\u00e4hlt, legt sich und seine Geschichte blo\u00df, weil alles besser ist als das Schweigen. Vielleicht auch weil, nach all den Jahren erzwungener Anpassung, er nicht mehr sich konfrontieren lassen will, sondern selbst eine Auseinandersetzung einfordert. Fast zwei Jahre lang hat er auf Veranstaltungen, Diskussionsrunden, in politischen Gruppen und bei Menschenrechtsorganisationen sein Anliegen vorgetragen. \u201eMeine gr\u00f6\u00dfte Angst dabei war, dass mal einer aufsteht und sagt: Was hast du denn, das war doch richtig, was sie mit dir gemacht haben.\u201d Passiert ist das allerdings nie. 1996 hat Michel Reiter die Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der P\u00e4diatrie und Gyn\u00e4kologie ins Leben gerufen. Seine Aktivit\u00e4ten haben ihm geholfen, seinen Standpunkt neu zu bestimmen, sie haben ihm aber auch ein geh\u00f6riges Ma\u00df an Disziplin und damit Selbstverleugnung abgefordert: \u201eAuf den Veranstaltungen bin ich eine andere Person. Ich w\u00fcrde dort auch gerne mal vier Jahre alt sein k\u00f6nnen, aber das habe ich mir nie gestattet.\u201d. Seinen Beruf als EDV-Fachkraft und Vermessungstechniker hat er aufgegeben. Zwei Jahre lang war er arbeitsunf\u00e4hig geschrieben, mittlerweile studiert er Sozialwissenschaften. \u201eWie es beruflich weitergeht, wie ich Geld verdienen soll ist unklar, das macht mir auch Angst, aber ich kann heute die Kompromisse nicht mehr eingehen, ich kann nicht mehr irgendeinen Job erledigen, der mich in meiner Auseinandersetzung mit mir nicht weiterbringt.\u201d Das klingt bei aller Entschiedenheit freundlich, fast entspannt. Michel Reiter ist keine tragische Gestalt, kein verbitterter K\u00e4mpfer, sondern einer, der sich auf die Suche nach etwas ganz neuem gemacht hat. \u201eZwei sind wir in der Bundesrepublik, die offen \u00fcber ihre Intersexualit\u00e4t reden, 150 gibt es in den USA\u201d rechnet er vor. Zwei, die mit ihren Initiativen auf Interesse sto\u00dfen, die Neugierde entfachen, denen aber der Durchbruch bislang versagt geblieben ist. Die Resonanz bei anderen Betroffenen ist sp\u00e4rlich. \u201eMich wundert es nicht, dass sich so wenig Intersexuelle bewegen\u201d kommentiert Michel Reiter und bl\u00e4ttert in dem Aktenstapel, der neben dem \u00fcberladenen Holzregal in seinem kleinen Arbeitszimmer liegt, \u201ewenn sie so von \u00c4rzten und Angeh\u00f6rigen kontrolliert werden, wie ich lange Zeit, dann k\u00f6nnen sie nicht kritisch reden. Viele sind auch tot. Manche psychiatrisiert. Ein paar kann ich vielleicht in der Transsexuellen und Lesbenszene entdecken, die sich dort als Vereinzelte eine Nische gesucht haben. Ein paar sind auch verheiratet und wollen nicht an ihre Vergangenheit erinnert werden.\u201d\u00a0 Auch die Eltern von intersexuellen Kindern nehmen nur selten die M\u00f6glichkeit wahr, mit den Betroffenen zu sprechen, bevor sie Entscheidungen \u00fcber Operationen und Geschlechtszuweisungen treffen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">\u00a0Im Oktober 1996 kommt es zu einem Ernstfall Michel Reiter erf\u00e4hrt, dass in einer Klinik im nordrhein-westf\u00e4lischen Herne ein intersexuelles Kind operiert und zum M\u00e4dchen gemacht werden soll. Er versucht Kontakt mit den Eltern aufzunehmen und redet stundenlang mit ihnen. Andere versuchen mit dem Arzt zu sprechen. Michel Reiter und seine Mitstreiter mobilisieren die Frauenrechtsorganisation Terre des femmes, die gerade eine Kampagne gegen Beschneidung in L\u00e4ndern der Dritten Welt f\u00fchrt. Was an \u00e4gyptischen und afrikanischen M\u00e4dchen nicht gemacht werden soll, muss auch bei Kindern in Deutschland verboten sein, fordert er. Die Eltern denken nach, und entscheiden sich dann doch f\u00fcr den Eingriff. Die Hoffnung Normalit\u00e4t herstellen zu k\u00f6nnen ist gr\u00f6\u00dfer als die Angst, dem Kind eine Entscheidungsm\u00f6glichkeit zu nehmen. Michel Reiter denkt an seine Eltern, mit denen er l\u00e4ngst jeden Kontakt abgebrochen hat, die er verantwortlich macht, f\u00fcr das Elend, das er durchlitten hat. Der Arzt versteht die Aufregung nicht. Die Kritik, hier werde ein Kind \u201esexuell verst\u00fcmmelt\u201d will er nicht gelten lassen und verweist auf die heutigen, ausgefeilten Operationsmethoden: Dass in den 60iger Jahren bei intersexuellen Kindern die Klitoris oftmals vollst\u00e4ndig entfernt wurde, gesteht er ein, sei ein Fehler gewesen. \u201eIn 20 Jahren\u201d konstatiert Michel Reiter jetzt doch ein wenig bitter, \u201ewerden sie einr\u00e4umen m\u00fcssen, dass ihre heutigen Operationsmethoden ein Fehler sind.\u201d Die Konventionen und die Hoffnung der Eltern, durch einen chirurgischen Eingriff lie\u00dfe sich Normalit\u00e4t herstellen, siegen schlie\u00dflich \u00fcber das Engagement von ihm und seinen Mitstreitern.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">\u00a0Vor der Charit\u00e8 ist die Situation unterdessen heikel geworden. Die Kinder- und Jugendgyn\u00e4kologen, die Chirurgen und Hormonforscher werden gleich Mittagspause haben. Die \u201eTolleranzen\u201d haben Pappkameraden mit Idealmassen aufgebaut und vermessen Passanten: Wer ist ein richtiger Mann? Wer hat zu schmale H\u00fcften? Wer ein zu kleines Geschlecht? Michel Reiter hat sich mit ein paar Dutzend anderen aufgemacht: Er will die Mediziner direkt mit seiner Kritik an ihrem Tun konfrontieren. Der Weg durch die G\u00e4nge des Krankenhauses ist lang und verwinkelt. Michel Reiter ist sichtlich nerv\u00f6s. Jetzt kann er das erste mal denen entgegentreten, die ihm die M\u00f6glichkeit genommen haben sich in seinem K\u00f6rper zu entwickeln. Der Sicherheitsdienst hat Wachen postiert. Im fahlen Licht haben sie sich aufgebaut und lassen niemanden vorbei. Die \u00c4rzte stehen in sicherer Distanz im Tageslicht im Foyer und schauen zu wie einer sich versucht sich an dem Wachtposten vorbeizudr\u00e4ngen, wie einer anderen das Megaphon entrissen wird. Sie stehen auf der sicheren Seite. Die Kritik kommt nicht an sie heran. Aber sie k\u00f6nnen sie auch nicht \u00fcbersehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center;\"><span class=\"s1\">\u00a0Michel Reiter ist erleichtert, ersch\u00f6pft &#8211; und ein bisschen entt\u00e4uscht. Ein Signal ist gesetzt worden, die Routine der Geschlechtszuweisung konnten sie nicht unterbrechen. In den n\u00e4chsten Monaten will er etwas k\u00fcrzer treten, sich neu orientieren. Er will sich nicht im Aktionismus ersch\u00f6pfen, will seine Ziele nicht zu kurz anpeilen. \u201eWenn jetzt statt der zwei Geschlechter noch ein drittes anerkannt w\u00fcrde, w\u00e4re mir das zu wenig\u201d sagt er. Ihn interessiert alles, was sich gegen Institutionen und Ordnung richtet. Er liest \u00fcber die Chaos-Theorie der Physiker . Er selbst \u00fcberlegt k\u00fcnftig Filme zu machen oder Kunst. Und dann h\u00e4lt er im freien Gedankenflug kurz inne und zieht eine n\u00fcchterne, etwas abgegriffene Bundestagsdrucksache aus einem Materialienstapel in seinem Zimmer. Es ist die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage \u00fcber \u201eGenitalanpassung\u201d von der lesbischen PDS-Abgeordneten Christa Schenk: \u201eSoweit in den Regelungen des bundesdeutschen Rechts der Begriff &gt;Geschlecht&lt; gebraucht wird, ist dieser immer eindeutig den alternativen Kategorien &gt;m\u00e4nnlich&lt; und &gt;weiblich&lt; zugeordnet. Da die rechtlichen Regelungen nicht aussagen, was unter diesen Begriffen zu verstehen ist, Diese Begriffe m\u00fcssen nicht juristisch, sondern medizinisch-naturwissenschaftlich bestimmt werden.\u201d &#8211; \u201eDa die Politiker nicht mal wissen, was Geschlecht ist und die \u00c4rzte die Definitions-Macht behalten, sind die Aussichten, dass sich etwas bessert schlecht\u201d gibt er mir mit auf den Weg, und teilt mir seine Schreckensvision mit &#8211; dass es zur Entwicklung eines intersexuellen Selbstbewusstseins nicht mehr kommen k\u00f6nnte, \u201eweil mit einer zunehmenden \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung um dieses Thema der Ruf nach pr\u00e4nataler Diagnostik und Abtreibung von F\u00f6ten, deren Geschlecht nicht eindeutig zuzuordnen ist, immer st\u00e4rker wird.\u201d Zukunftsangst &#8211; Ein paar Wochen sp\u00e4ter h\u00e4lt er einen Vortrag im Biologieunterricht eines Gymnasiums vor Oberstufensch\u00fclern und ist \u00fcberrascht: \u201eIch hatte das Gef\u00fchl, sehr offene und engagierte Menschen vor mir zu haben. Ich frage mich, was passieren w\u00fcrde, wenn sie nicht nur etwas H\u00f6ren, sondern \u00fcber ihre eigenen \u00c4ngste reden k\u00f6nnten&#8230;\u201d<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michel Reiter, Intersexuell &#8211; Ein Leben jenseits der Geschlechter &#8211; ver\u00f6ffentlicht im ZEIT-Magazin v. 28.01.1999, Hamburg, S.12-15 Von Oliver Tolmein \u00a0Ein Kind, nackt, vor eine Wand gestellt, im Hintergrund ein grobes Raster aus Quadraten. Von der Seite aufgenommen. Von vorne. Das Kind liegt, die Beine gespreizt. Die Vagina wird ins Bild ger\u00fcckt. Nahaufnahme. 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